Die Blasiikirche zu Quedlinburg
Dem Betrachter, der eben noch das reizvolle Ensemble des Rathauses und der dahinter aufragenden Türme von St. Benedikti am nördlichen Ende des Marktplatzes bewundert hat, fällt an der Westseite des Platzes ein kapriziöser Dachreiter über einem steilen Dachgiebel auf. Er gehört zur kleinsten und wohl auch ältesten Pfarrkirche der Stadt, St. Blasii. Nur wenige Meter vom Markt entfernt, schiebt sie sich als massive Sandsteinfassade in die Straßenflucht der Blasiistraße.
Baugeschichte
Schon bevor 994 die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechtes an das reichsunmittelbare Frauenstift auf dem Schlossberg das Entstehen einer Kaufmannsniederlassung um die Marktkirche förderte, war die Blasiikirche von einer dörflichen Siedlung umgeben, deren Name nicht überliefert ist. Sie umfasste ein Gebiet am südlichen Stadtrand zwischen Hoher Straße, Markt und Blasiistraße und ist später in der Altstadt aufgegangen.
Die erste schriftliche Erwähnung datiert erst aus dem 13. Jahrhundert. 1231 wird ein Arnoldus von St. Blas ii genannt. Die erhaltenen Baureste bezeugen ein weit höheres Alter. Der querrechteckige Turm bis zum Gesims unter den Schallarkaden ist um das Jahr 1000 gebaut worden, stammt also aus der gleichen Zeit wie die Wipertikirche auf dem Gelände des alten Königshofes.
Hinter der Turmfassade verbirgt sich eine zweite, nur von innen sichtbare Mauerschale aus sogenanntem Steinfachwerk. Quadratische Rahmen aus behauenen Sandsteinquadern bilden eine Art Schachbrett. Seine Innenflächen sind mit Bruchsteinen ausgefüllt.Die von römischen Bauten bekannte Mauertechnik weist auf ein sehr hohes Alter hin, ebenso wie die eigenartigen Formen der ottonischen Säulenkapitelle und -basen in den vermauerten Schallarkaden der unteren Glockenstube. Diese Vermauerungen sind auch von außen sichtbar. Dicht über ihnen deutet die Kehlung den Ansatz des ursprünglichen Dachgesimses an.
An diesem um 1000 entstandenen Turmbau schloss sich eine einschiffige Saalkirche an. Sie wurde im 13. Jahrhundert durch eine frühgotische, querhauslose Basilika ersetzt. Gleichzeitig wurde der romanische Turm um ein Stockwerk erhöht. In diese Bauphase gehören die oberen (unvermauerten) Schallarkaden mit den eingestellten durch Kelchblockkapitelle gekrönten Säulen, sowie der später in den Barockneubau eingebundene und veränderte Chor.
Im 15. Jh. erhielt der Turm anstelle des früheren Walmdachs die heute noch vorhandenen Zwillingshelme und erreichte damit eine Höhe von 28,5m.
1714 nahm man einen Neubau der Kirche in Angriff. Zwischen dem stehen gebliebenen Turm im Westen und dem frühgotischen Chor im Osten entstand das neue Langhaus in Form eines gestreckten Achtecks. Die Turmfront wurde von einem Westportal mit barockem Oberlicht durchbrochen, der Chor barockisiert und ein Dachreiter aufgesetzt.
Der Barockbau
Der Architekt des stilvollen Neubaus, dessen Baukörper und Innenausstattung eine harmonische Einheit bilden, wie sie sich sonst in keiner anderen Pfarrkirche der Stadt findet, kam vermutlich aus Italien. Die Fassade ist durch Eckpilaster, Gesimse und Risalite gegliedert. Die untere Fensterreihe zeigt rechteckige Formen, die obere endet in Korbbögen. Korinthische Pilaster mit kannelierten Schäften flankieren das von reichem Akanthuswerk umgebene Rundbogenportal an der Straßenseite des Langhauses. Ihm entspricht ein in gleicher Weise gestaltetes Portal an der gegenüberliegenden Front.
Der Innenraum wird geprägt durch die den Wänden an drei Seiten vorgelagerten, in warmen Naturholz belassenen Emporen, die auch den Orgelprospekt mit einbeziehen. Aus dem gleichen gebeizten Fichtenholz sind auch die schlichten Priechen des Langhauses.
Einen farbenfrohen Kontrast dazu bildet der Altar mit integrierter Kanzel. Er ist nach einem Entwurf des anhaltischen Landbaumeisters Johann Heinrich Hoffmann entstanden. Die Ausführung übernahmen Quedlinburger Künstler, der Bildhauer Johann Wilhelm Kunze, die Maler Gottfried Sommer und Heinrich Erdmann Riese.
1723 wurde der Altar geweiht. Das Herzstück des dreiteiligen Unterbaus bildet ein von reichem Blattwerk umgebenes Abendmahlsgemälde. Die Seiten sind von zwei Rundbogentüren durchbrochen. Rechts und links der Kanzel stehen zwischen hohen, vergoldeten Säulen, die Figuren der vier Evangelisten. Über ihnen halten Engelchen das Amtswappen der Herzogin Maria Elisabeth von Holstein-Gottorp, der damals regierenden Fürstäbtissin. Zwei größere Engel tragen eine mit einer Widmungsinschrift geschmückte Kartusche.
Über dem reich mit Rosenlaub, Rankenwerk und Blumenmotiven gezierten Hochaltar strahlt von der Decke eine Gnadensonne herab. Das stuckierte Holzgewölbe eröffnet in zart und feingliedrig ausgebildeten Formen den Blick ins Paradies. Die Aufteilung und Anordnung der Felder erinnert an barocke Lustgärten. Weinstöcke, Reben und Kornähren sind Symbole des Abendmahls. Christus sagt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben."
Äpfel verkörpern Liebe, Freude und Fruchtbarkeit. Mohnkapseln deuten auf Leid und Tod.Das ovale Mittelfeld füllt ein Gemälde mit der Darstellung zweier Bischöfe aus. Sie halten zwischen sich das Wappen des Frauenstiftes, dessen jeweilige Äbtissin die Patronatsrechte innehatte.
Es sind der heilige Blasius, Schutzpatron der Kirche, und der heilige Servatius, Schutzpatron des Stiftes, dem die Stadt und ihre Kirchen unterstanden. Die herrlichen Stuckarbeiten sind von Tobias Müller und seiner Werkstatt ausgeführt worden.
Hinter dem barocken, reich mit Akanthus- und Laubwerk geschmückten Prospekt verbirgt sich die 1901 in der Hausneindorfer Werkstatt des Orgelbauers Röver entstandene Orgel. Die Restaurierung der Orgel konnte dank vieler Spenden 2000 abgeschlossen werden. Seither erklingt die Orgel wieder zu Konzerten der Veranstaltungsreihe in der Kirche.
An der nördlichen Seitenwand des Altarraumes befindet sich ein Epitaph des 1581 verstorbenen Stifthauptmannes, Hans v. Wulften, das in den barocken Neubau übernommen wurde. Unter dem Kreuz ist die Familie des Toten betend dargestellt. Eine voluminöse Inschrift würdigt seine Verdienste und Heldentaten im Dienst des sächsischen Schutzherrn, der ihn als Dank dafür 1567 mit dem „Fleischhof“ belehnte.
Ebenfalls noch zur mittelalterlichen Ausstattung der Kirche gehört das Kruzifix von 1520.
Nutzung
Schon vor der Entstehung des ottonischen Marktes war die Blasiikirche vermutlich Pfarrkirche einer dörflichen Siedlung. Ihre Parochie schloss auch das Gebiet des heutigen Marktes mit ein, der zu diesem Zeitpunkt noch außerhalb der "murus forensis" (Marktmauer) lag. Auch nach der Einbeziehung in die sich ständig erweiternde Kaufmannssiedlung blieb diese Abgrenzung zur Marktgemeinde auf der Linie Hohe Straße, Markt, Steinbrücke, Blasiistraße erhalten.
Von den Pastoren der Blasiikirche sind Winnigstädt, als Verfasser einer der ältesten Stadtchroniken (um 1540), Sturk, der 1534 hier zum ersten Mal das Abendmahl nach protestantischen Ritus austeilte und damit die Reformation in Quedlinburg einleitete, und der Naturforscher J.A.E. Goeze (18. Jh.) in die Stadtgeschichte eingegangen.
Nach dem Tod des Schutzherrn Georgs v. Sachsen 1539 wurde auch die Blasiikirche evangelische Pfarrkirche. Sie blieb es bis nach dem 2. Weltkrieg. Als 1938 die Domgemeinde von der SS aus der Stiftskirche vertrieben wurde, fand sie hier bis 1945 eine neue Heimatstatt.
In den folgenden Jahren nahm, wie überall in der ehemaligen DDR, die Zahl der Gemeindemitglieder immer mehr ab.Die schon seit Jahrzehnten mit der Marktkirchengemeinde zusammengefaßte Blasiigemeinde musste sich aus wirtschaftlichen Gründen auf ein Kirchengebäude beschränken. Die Entscheidung fiel zugunsten der Kirche St. Benedikti.
Ab ca. 1952 stand die Blasiikirche leer und war dem Verfall preisgegeben. Die nötigsten, beschränkten Reparaturarbeiten reichten nicht aus, um diese Entwicklung zu stoppen.
Aus Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz begannen 1992 die Instandsetzungs- und Restaurierungsarbeiten.
Die Blasiikirche wird von der Stadt Quedlinburg als kulturelles Zentrum genutzt, ihre gute Akustik und der stilvolle Innenraum bieten sich besonders für Konzerte an.